Gibt es das: Ein Auge fürs Fotografieren?
Veröffentlicht am 27. Juni 2012 von Werner Rolli

Profi-Blick auf Partygäste
Nikon führte mit einem der führenden europäischen Eyetracking-Forschungsunternehmen – Eyetracker – ein Experiment durch, bei dem die Augenbewegungen von Profifotografen verschiedener Sujets beim Komponieren und Aufnehmen eines Bildes analysiert wurden. Diese Daten wurden mit der Herangehensweise eines Amateurfotografen bei den gleichen Motiven verglichen. Die ausgewählten Fotografen sind Profis auf ihrem Gebiet. Andreas Schmidt ist ein deutscher Fotograf, der auf Architektur- und Reisefotografie spezialisiert ist. Er hat bisher zwei Bücher veröffentlicht: das erste über eines der berühmtesten Reiseziele überhaupt – Las Vegas – und eines über das Londoner Finanzviertel The City. Laurent Baheux ist ein französischer Natur- und Tierfotograf. Er hat acht Jahre lang Wildtiere in Afrika fotografiert. Duncan Soar schliesslich ist ein englischer Event-Fotograf, der regelmässig auf Preisverleihungen, Unternehmensveranstaltungen und privaten Festen fotografiert. Will Painter, Amateur, ist begeisterter Hobbyfotograf, hat jedoch nie formale Kurse oder Schulungen zur Fotografie besucht. Wie bei vielen Amateurfotografen basieren seine Kenntnisse und Vorgehensweisen auf praktischer Erprobung (Trial-and-Error-Verfahren).
Die Reisefotografie-Aufnahmen fanden an einer belebten Touristenattraktion, die Naturaufnahmen in einem Waldgebiet und die Event-Aufnahmen in einer beliebten Bar statt. Die Profifotografen und der Hobbyfotograf nahmen ihre Fotos unter den gleichen Testbedingungen und mit der gleichen Kamera auf (Nikon D3200). Dabei wurde analysiert, wie die Profifotografen und der Amateurfotograf in der jeweiligen Situation ihre Aufnahmen machten, um die entscheidenden Unterschiede zwischen beiden zu ermitteln. Dadurch konnten faszinierende Erkenntnisse darüber gewonnnen werden, was ein «Auge fürs Fotografieren» ausmacht. Die folgenden Abschnitte fassen diese Erkenntnisse zusammen.
Profis nehmen sich dreimal mehr Zeit als ein Amateurfotograf
Profifotografen nehmen sich sehr viel mehr Zeit für ihre Bilder – die Profifotografen benötigten zwischen 10 und 10:45 Minuten, um durch Herumlaufen den besten Aufnahmestandort zu finden und ein Bild zu erzielen, das ihrer Ansicht nach das Motiv am besten einfängt. Im Durchschnitt benötigten sie bei den drei Aufnahmeszenarien 10:22 Minuten Zeit. Das ist dreimal länger als beim Amateurfotografen: Er benötigte bei den drei Szenarien durchschnittlich 2:43 Minuten, um das beste Bild zu erzielen. Maximal liess er sich 3:30 Minuten Zeit.
Genau das gleiche Ergebnis zeichnete sich ab, als das Team untersuchte, wie lange sich die Fotografen für das eigentliche Bild Zeit nahmen, nachdem sie die beste Aufnahmeposition dafür gefunden hatten. Der Profifotograf nahm sich durchschnittlich 15 Sekunden mehr Zeit, um die interessantesten Elemente des Motivs zu identifizieren und einzufangen. Dies war bei der Event-Fotografie besonders wichtig.
Duncan Soar erläutert: »Das Entscheidende bei der Event-Fotografie ist, sicherzustellen, dass die Personen in den Aufnahmen interessant und lebendig wirken. Einen interessanten Bildausschnitt zu ermitteln, kann relativ einfach sein, aber einen ausdrucksvollen Moment einzufangen – z. B., wenn eine Person lacht –, kann eine Weile dauern. Ich muss normalerweise einige Zeit warten, um einen solchen Moment zu treffen.« Duncan liess sich für die einzelnen Aufnahmen durchschnittlich 22 Sekunden mehr Zeit als der Amateurfotograf. Insgesamt benötigte er 3:20 Minuten bis zur finalen Aufnahme.
Profis ziehen für ein Motiv über dreimal mehr Aufnahmen in Betracht
Es passiert leicht, dass man sich in einer Aufnahmesituation nur auf einen Bereich konzentriert, von dem man denkt, dass er das beste Bild ermöglicht, und andere erstklassige Aufnahmemöglichkeiten übersieht. Bei allen drei Szenarien prüften die Profis beständig eine grössere Zahl unterschiedlicher Aufnahmemöglichkeiten als der Amateurfotograf. Während letzterer acht potenzielle Aufnahmen in Erwägung zog, waren es beim Profifotografen 29. Das sind mehr als 3,5-mal mehr Optionen, um aus einem Motiv die beste Aufnahme zu machen.
Am auffälligsten war dieser Aspekt bei der Reisefotografie. Der Amateur erwog nur zwei verschiedene Szenarien, der Profi dagegen zwölf. Die Profis gingen ausserdem sehr überlegt vor und schenkten allen Elementen der Szenerie die erforderliche Aufmerksamkeit. Bevor der Amateurfotograf sich für die beste Aufnahme entschied, huschte sein Blick in der Aufnahmeszenerie umher, ohne dass er sorgfältig verschiedene Optionen in Betracht zog oder sich genügend Zeit nahm, um andere Blickwinkel auszuprobieren.
Einer der Punkte, in denen sich Amateur- und Profifotograf am deutlichsten unterschieden, war die Art und Weise, wie sie den Bildausschnitt wählten. Die Profifotografen prüften jede nur denkbare Aufnahmeposition – der Reisefotograf ging bei dem Motiv zum Beispiel hinter einige Strandhütten, um nachzusehen, ob dort etwas Interessantes einzufangen ist, während der Naturfotograf vom normalen Weg ins Gebüsch abbog, um die Umgebung auf eine ungewöhnlichere Weise zu betrachten. Der Event-Fotograf betrachtete sogar eine Zeit lang die Decke des Veranstaltungsorts, weil sie geschwungen war und er dachte, dass sie einen guten Rahmen für die Aufnahme bilden könnte.
Es ist auch wichtig, immer weiter zu schauen. Oft sieht man sofort zwei Bereiche, auf die man sich konzentrieren möchte, und ignoriert alles andere. Halten Sie auch auf dem Weg zwischen verschiedenen Szenerien den Blick nach oben und sehen Sie sich um – statt sich in dieser Zeit die Aufnahmen anzusehen, die Sie bereits gemacht haben. Während der gesamten Aufnahmen standen die Profis viel länger herum, suchten die Szenerie ab und sahen sich an, was ein tolles Bild ergeben würde. Der Amateurfotograf dagegen sah einfach in die Richtung, in die er ging, oder direkt auf das, was gemäss seiner Entscheidung sein nächstes Motiv sein würde.
Andreas Schmidt merkt an: »Wenn Sie sich Ihr Motiv wirklich genau ansehen und aus allen Blickwinkeln betrachten, entdecken Sie möglicherweise eine Aufnahmemöglichkeit, die einen interessanten Blick auf einen Teil Ihres Motivs eröffnet. Das ist besonders bei Aufnahmen von Alltagsszenen wichtig, weil die Fotos dadurch eigenständiger werden.«
Weniger ist mehr
Bei ihren endgültigen Bildern konzentrierten sich die Profis allesamt auf einen bestimmten Teil der Szenerie, die sie aufnahmen. Der Amateur hingegen war damit beschäftigt, zu versuchen, alles ins Bild zu bekommen, um die gesamte Szenerie einzufangen. Die Profis verbrachten mehr Zeit damit, den interessantesten Aspekt zu ermitteln und zu prüfen, welches der beste Blickwinkel ist, um diesen zu fotografieren.
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